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Schlafmohn - Eine Pflanze ernährt ein ganzes Land

Es geht um Afghanistan. Ein richtig armes Land - wenn nicht das ärmste Land mit einer durch Jahrzehnte andauernde Kriege gebeutelten Bevölkerung. Ein Land in dem nun auch mehrere tausend deutsche Soldaten stationiert sind. Offiziell befinden wir uns dort als Deutsche seit 2001 in einer Friedenmission.

Und man spricht davon, dass die Freiheit der Deutschen eben nun am Hindukusch zu verteidigen sei. Mit Blick auf die noch glühenden Überreste des World Trade Centers. Und so werden nun mit Bundestagsbeschluss afghanische Polizisten geschult, Brunnen und Mädchenschulen gebaut, Tanklaster zerbombt und für die Sicherheit der Regierung Ḥāmid Karzay gesorgt.

Der Grund warum ich auf dieses Thema komme, ist ein youtube-Video, dass meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat: Afghanistan produziert soviel Opium wie nie. Es ist ein Bericht von Spiegel-TV und wurde im September veröffentlicht. Der darin zitierte UNO-Bericht spricht von einer Rekordernte, wobei die Anbaufläche etwa so groß wäre wie das Saarland. Man schätzt das damit ein Großteil des weltweiten Bedarfs an (in den meisten Ländern illegalen) Opiaten produziert wurde bzw. eben weiterhin angebaut wird. (wobei die einen Quellen von 2/3 sprechen und die anderen von sogar über 90% ausgehen). Diese Nachricht hat mich persönlich nicht überrascht. Es wäre nicht die erste Meldung über Rekordernten, die ich mitverfolgt habe. Was mich aber nun zum Schreiben bewog, war ein Antrag an den Bundestag aus dem Jahre 2007 an dem ich mich zurück erinnern musste. Es war Initiative für einen großflächigen, gesetzlich erlaubten Anbau von Schlafmohn, die es zum Ziel hatte, die Drogen-Mafia einzudämmen und den Bauern eine legale Einkommensquelle zu beschaffen. Bisher entwickelte sich Opium seit dem Beginn der Friedensmission jedoch zu einem illegalen Exportschlager und oftmals einzigen Broterwerb für die Bevölkerung. So spricht man von über 8.200 Tonnen, die ganz vor den Augen unserer oliv-grünen Jungs produziert werden: “(…) Eigenständige Einsätze gegen Drogenschmuggler oder -Labore werde es (…) nicht geben (..).” ( sz, 17.Mai 2010 )

Hintergrund ist, dass das aus Schlafmohn gewonnene Opiat Morphin immer noch wichtigster Bestandteil unserer Schmerzmittel in westlichen Operationssälen ist. “Westlich” deshalb, weil es oft wegen seines hohen Preises nicht in Krisenregionen für die Bevölkerung zugänglich ist. Die Hauptproduzenten und Besitzer der Patente diese Arzneien sind westliche Firmen - die bisher wenig Interesse daran hatten, dass ärmere Länder diese Mittel für einen viel niedrigeren Preis nach produzieren. Wie dieser Fall in Indien zeigt. Staatlich kontrolliert könnte wie im Beispiel Indien bereits praktiziert vor Ort mit der Produktion von dringend benötigten Schmerzmittel beginnen und so mehr Menschen einen Broterwerb zusichern - bisher kann Mohn für die Produktion von Morphium und Codein nur in sehr wenigen Ländern wie z.B. in Australien legal angebaut werden. Dort werden Tausende von Hektar maschinell geerntet und an US-Pharmariesen weiterverkauft. Legal und mit der Überwachung der internationalen Gemeinschaft. Und für für viele Menschen unerschwinglich.

Als Gründe warum die Initiative der nichtstaatlichen Organisation ICOS (International Council on Security and Development) noch nicht umgesetzt wurde, sind Befürchtungen, dass es unmöglich wäre auszuschließen, dass Teile der Produktion auf dem Schwarzmarkt landen würden. Außerdem wäre ein Aufbau einer Produktion in diesem so zerstörten Land eine reine Utopie. Jedoch darf man nicht vergessen, dass nun das gesamte Opium in illegale Hände fällt, zu Heroin verarbeitet wird und eben genau im Westen landet (und dabei große Probleme verursacht). Die Bauern in Afghanistan werden für die arbeitsintensive Produktion von Rohopium schlecht bezahlt - das Geld machen in erster Linie die lokalen “Warlords”, die Schmuggler bzw. die internationale Drogenmafia. Aber die Pflanze finanzierte auch den fast 3 Jahrzehnte andauernden Widerstand der Afghanen gegen ausländische Invasionskräfte. So haben auch die Taliban wie auch die Mudschaheddin Zölle auf den Anbau erhoben und sich damit ein Einkommen verschafft.

Wenn nun ein Großteil der Ernte in eine staatliche Produktion gelangen würde, könnte man somit die Produktion der Drogen die in Westen gelangen verringern und auch die Gewinne und die Macht der Drogenbarone vor Ort. ( Eine Prohibition spielt in erster Linie immer den Händlern der illegalen Ware in die Hände, da sich der Preis bei einem Verbot vervielfacht. ) Und WHO selbst geht von einem weltweiten Bedarf von mehreren Tausend Tonnen aus und spricht von einer Krise weil genau diese Schmerzmittel in den ärmsten Teilen der Welt fehlen. (Allein Deutschland hat einen industriellen Bedarf von über 50 Tonnen.)

Opium wurde schon immer von Menschen wegen seiner Medizinischen Wirkung geschätzt - es wurde als Geschenk Gottes gesehen. Die örtliche Bevölkerung z.B. in Afghanistan bekämpft Durchfall, Schlafstörungen und die Schmerzen von Geburten in dem sie Opium konsumieren - wie überall, wo die westliche Medizin keinen Zugang hat. Zudem wird das Opium in Gesellschaft geraucht und wegen der anregenden Wirkung geschätzt Der Konsum ist viele Jahrhunderte zurückverfolgbar. Opium gilt als die älteste Medizin der Menschheit, weil sich ihre Kultivierung immer wieder in der Geschichtsschreibung findet. So benutzten es die Sumerer, die Ägypter und die Römer um sich damit zu heilen bzw. um sich damit zu betäuben. Im 8. bzw. 9. Jahrhundert wurde Opium in China eingeführt aus Arabien und später dann die Opiumpfeife erfunden, als der Mischkonsum mit Tabak untersagt wurde.

Auch im Westen wurde Opium bald von allen Gesellschaftsschichten geschätzt - sei es Königinnen oder Künstler. Es war in gesellschaftlichen Kreisen der Oberschicht sehr beliebt, da bei einer Einnahme der künstlerischen Geist nicht durch Müdigkeit oder gar Schmerzen abgelenkt wurde und damit ein Fokussieren auf die angestrebte Arbeit ermöglicht wurde. Opium wurde schließlich zum wichtigsten Bestandteil vieler Heilmittel, die westlichen Ländern in Drogerien verkauft wurden und damit auch erstmals zum wichtigen Handelsgut im kolonialen Aufbruch und Ausgangspunkt für Handelskriege - die Opiumkriege. Verkauft wurde es, als Likör gegen Zahnschmerzen aber auch als Mittel gegen die “Hausfrauendepression”, beigefügt in Schokopralinen. Bald jedoch wurde die süchtig machende Wirkung publik, ein Umdenken begann und man schränkte den Handel außer zu Forschungszwecken immer mehr ein.

Ein besonders bekanntes Beispiel für die süchtig machende Wirkung von Opiaten ist das das Heroin. Von Bayer entwickelt, wurde es bald als Ersatzdroge gegen morphinsüchtige Vietnamveteranen verteilt (Morphinsucht galt als die “Soldatenkrankheit”) . Das Morphin bzw. Morphium wiederum begann sein Karriere ebenfalls als synthetisierte Ersatzdroge für Opiumsüchtige. Und mit Heroin von “Heroic Remedy” wollte man “das heroische (All)Heilmittel” schaffen - es galt lange als DAS ultimative Mittel gegen Morphinabhängigkeit. Das stimmte auch: wurde man heroinabhängig, verlor man schnell das Interesse an Morphium. Die Produktion wurde daraufhin 1931 eingestellt. Bis dahin gab es allerdings bereits eine halbe Million Abhängige von Heroin in der USA, die schließlich kriminalisiert wurden.

Unter dem Präsidenten Nixon wurde der “total war against drugs” ausgerufen. Gleichzeitig machte jedoch die Iran-Contra-Affäre unter Reagan deutlich, wie tief die USA und ihre Geheimdienste in den internationalen Drogenhandel verwickelt sind. So nahm die USA die mögliche Ausbreitung des Kommunismus in Südamerika als größere Gefahr wahr, als die Überflutung der heimischen Straßen mit Drogen.

“(…)„Unser Land machte sich zum Komplizen im Drogenhandel, zur selben Zeit in der wir unzählige Dollars dafür ausgaben, die durch Drogen verursachten Probleme in den Griff zu bekommen - es ist einfach unglaublich.“ US-Senator John Kerry in einer Senatsanhörungen zur Rolle der CIA im Drogenschmuggel der Contras.(…)”(siehe auch)

Und so wäre es auch heute nicht undenkbar, wenn nun in Afghanistan von westlicher Seite weg geschaut wird, wenn sich afghanische Drogen-Warlords mit Kontakt zum Präsidenten mit dem Opiumanbau bereichern - solange eben diese Verbündete für einen Kurzfristigen Schein-Frieden sorgen. Eine verführerische Strategie, die dafür sorgt, dass möglichst wenig Plastiksäcke mit deutscher Fahne (und Überresten) in die Heimat zurückkehren. Und damit möglicherweise kritische Stimmen an diesem in Bevölkerung eh unbeliebten Einsatz an Gewicht gewinnen könnten. Gleichzeitig sorgt ein reger Handel mit dem verbotenem Stoff für Instabilität in den Nachbarregionen. Man darf nicht vergessen, dass die Grenze z.B. in den Iran und Tschadikistan unmöglich vollständig zu sichern sind und bewaffnete Schmugglertrupps eine Destabilisierung in der Region bedeuten. Im Falle Iran (zudem die USA bekanntermaßen ein eher gespanntes Verhältnis haben), das mehrere Hundert tote Grenzsoldaten zu beklagen hat - hat dies zu einer Aufrüstung der Grenze und zu einer gespannten Lage in der Region geführt. Vielleicht darf man auch nicht vergessen, dass in Zeiten der Wirtschaftskrise weniger nachgefragt wird, wo die Liquidität eigentlich herkommt - wie der Fall Italien zeigt.

Und anstatt dafür zu sorgen, dass die Bauern in Afghanistan ein legales Einkommen erlangen und damit ein erträgliches Leben - landet das ganze “H” auf Europa`s Straßen anstatt als Medikament in einem OP in der sogenannten “3.Welt”.

Erwähnenswert ist auch die Studie einer NGO, die den Anbau von Nutzhanf vorschlägt - eine Pflanze die dort ebenfalls prächtig gedeihen würde.

Links: - Mineralien statt Opium? "Afghanistan steinreich: Werte von mehr als 3 Billionen Dollar warten" (Smaragde, Lithium, Kupfer, Eisenerze und weitere Bodenschätze könnten Afghanistan zum reichsten Land der Welt machen)